von Nadine Dietz (TU Darmstadt), Lena Dunkelmann (Uni Koblenz)
und Mandy Lamb (TU Darmstadt)

Zum achten Liebesbriefstammtisch kamen am 7. Juni erneut Liebesbriefforscher*innen und neue Interessent*innen im Residenzschloss Darmstadt und an der Universität Koblenz zusammen. Das diesmalige Thema war “Liebesbriefe im Wandel der Zeit”. Bereitgestellt für den Liebesbriefstammtisch wurde ein überschaubares, nicht erschöpfendes Sammelsurium an exemplarischen Liebesbriefen: von einem prototypischen Liebesbrief mit juristischem Charakter aus dem 19. Jahrhundert, zu einem Feldpostbrief aus den 1950er, über das neuere Medium E-Mail Ende des 20. Jahrhunderts, zu einer damals trendigen Postkarte der Jahrtausendwende bis hin zum heutigen WhatsApp-Chat.

Liebesbriefe aus vier Jahrhunderten

Das Liebesbriefarchiv beherbergt bei einer Bestandsmenge von 31.203 (Stand Juni 2023) Liebesbriefen eine besonders heterogene Masse privater Schriftlichkeit; vom ältesten Brief von 1715 zum jüngsten von 2021 dokumentiert dieser Bestand nicht nur das sich verändernde Medium (Liebes)Brief, sondern auch, wie sich Liebe und Partnerschaft gesellschaftlich verändern und wie darüber gesprochen wird.

Anhand der mitgebrachten Liebesbriefbeispiele wurden folgende Fragen gestellt: Wie hat sich der Liebesbrief über die Jahrhunderte verändert? Gibt es formale Unterschiede? Wird inhaltlich anders über Liebe gesprochen oder werden Liebesbekundungen anders ausgedrückt? Wie ändert sich das Medium (Liebes)Brief und welche Auswirkungen hat es auf die Liebeskommunikation? Und anders gefragt: Was bleibt auch über Jahrhunderte hinweg gleich und woher weiß man eigentlich, wie man einen Liebesbrief zu schreiben hat? Hat der Liebesbrief ausschließlich die Funktion, Liebe auszudrücken?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, beginnt noch vor der Betrachtung der genannten Liebesbriefexemplare der Liebesbriefstammtisch in Darmstadt mit einem einleitenden Gastvortrag von Dr. Erwin Kreim zum Ursprung des Briefeschreibens, nämlich mit den Liebesbriefanleitungen in frühen Briefstellern,sowie einer thematischen Einführung in die Liebesbriefforschung von Prof. Dr. Eva L. Wyss, Gründerin des Liebesbriefarchivs, in Koblenz.

Liebesbriefe in Briefstellern

Der Einfluss von Gutenbergs Erfindung auf die Liebesbrief-Kommunikation lautete der Titel des Gastvortrags von Dr. Erwin Kreim. Dr. Kreim selbst ist von Haus aus Wirtschaftswissenschaftler und befasste sich als erster mit einer wirtschaftlichen Sicht auf die revolutionäre Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg in Mainz (1454).1

Der Liebesbriefstammtisch im Residenzschloss Darmstadt. Dr. Erwin Kreim hält seinen Gastvortrag über Briefsteller. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv/Leonie Edelmann

Thema seines Gastvortrags ist nicht nur die Revolution des Buchdrucks und dessen (wirtschaftlicher) Einfluss auf die Nachwelt, sondern auch der daraus resultierende und entscheidende Erfolgskurs der Briefstellerdrucke, die unter anderem Definitionen und Anleitungen zum Schreiben eines Liebesbriefs beinhalten. Denn seit dem Buchdruck der lateinischen Bibel bzw. Gutenberg-Bibel breitete sich die neue Drucktechnik weltweit aus. Neben der Bibel waren es spannenderweise Briefsteller2, die Gegenstand der neuen Druckflut wurden. Doch wer und wofür brauchte man Briefsteller? 

Gelehrte und Sekretäre wie auch Goethe und Schiller bedienten sich der Briefsteller. Briefsteller geben Anleitungen und Hilfestellung für das Schreiben guter Briefe in beispielsweise Amts- und Geschäftsangelegenheiten – oder eben auch in Liebessachen.
Briefkorrespondenzen dienten und dienen sowohl in amtlichen als auch in privaten Kreisen dazu, mit einer nicht anwesenden Person ‘zum Vergnügen’, aber auch zum ‘Nutzen’ ein Gespräch zu führen. Der Nutzen dabei motiviert nicht selten eine nötige Verhandlung, wobei wiederum die Kunst der Überzeugung (Rhetorik), die ‚wirkungsvolle Rede’, deren Regeln und Form Briefsteller vermitteln, nötig waren. Je nach Anliegen und Zweck des Briefes werden Anleitung und Form angepasst. 

Die Gattung des Liebesbriefes fehlt in keinem Briefsteller – denn auch in der Liebe muss(te) man überzeugen: Die genauere Bestimmung der Briefform bzw. Briefgattung spielte dabei schon in den frühen Briefstellern eine wichtige Rolle. Bereits Gelehrte des Humanismus wie Erasmus von Rotterdam (1466 od. 1469–1536)3 und Francesco Niger (1452–1523)4, beide von Bedeutung für die Liebesbriefkommunikation, behandeln den Liebesbrief wie eine literarische Gattung oder ein rhetorisches Mittel, indem sie in Form von Regeln Charakteristika des Liebesbriefes aufstellen: Von ehrenhaften über schändliche Liebesbriefe, von Inhalten wie Moral, Tugend, Lob, Schönheit und erzieherischer Rhetorik bis hin zur straffen Formalia und Forderung nach Individualität. 

Mehr zu den frühen Briefstellern und den darin beschriebenen Regeln für Liebesbriefe können Sie im Gastbeitrag Über Briefsteller: Johannes Gutenbergs Erfindungen und die Liebesbrief-Kommunikation von Dr. Erwin Kreim lesen.

Vom prototypischen Liebesbrief bis zum WhatsApp-Chat

Waren Briefe im Mittelalter noch Textsorten, die einer strengen Form unterworfen waren und von Geistlichen und Adligen geschrieben wurden, so wandelt sich der Liebesbrief im Zuge der Alphabetisierung und Emanzipierung der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert zu einem Schriftstück privater (Liebes)Kommunikation, geschrieben von Menschen aller Altersstufen und sozialen Milieus.5 Mit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung des (privaten) Liebesbriefes liegen erstmal “sprachhistorische Längsschnittstudien dazu vor, wie sich einzelne Briefsorten wandeln.”6 Dabei zeigen die Untersuchungen von Liebesbriefarchivgründerin Eva L. Wyss, dass sich der Liebesbrief im Zeitraum vom 19. bis in das 21. Jahrhundert auf vielfache Weise verändert und gleichzeitig ein Abbild einer Sozial-, aber vor allem auch einer Medien- und Sprachgeschichte darstellt. Medial und materiell entwickelt sich der Liebesbrief vom klassischen, prototypischen Liebesbrief, der handschriftlich nach Briefformalia geschrieben wird, über das berühmte Billet-Doux zu Kriegs- und Feldpostbriefen, von Postkarten in die heute digitale Flirtkommunikation, beginnend mit der E-Mail über SMS bis hin zum alltäglichen WhatsApp-Chat in Echtzeit. Die mediale Entwicklung des Liebesbriefs vom Brautbrief bis hin zur digitalen Liebeskommunikation geht darüber hinaus auch mit einer “Veränderung von Geschlechtsidentität und Vorstellungen von ehelicher Beziehungskommunikation”7 einher.

Liebesbriefe zeitlich einordnen

Nach der kurzen inhaltlichen Einführung in den Forschungsgegenstand Liebesbrief durch Prof. Eva L. Wyss wurden die Liebesbriefe erst einmal nur aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes nach Alter sortiert, ohne dass sich inhaltlich damit auseinandergesetzt wurde. Als Kriterien, die bei der Einordnung halfen, wurde Folgendes angegeben:

  • Hand- vs. Maschinenschrift
  • Digitalität (genauere Altersbestimmung durch technische Möglichkeiten, z.B. darkmode bei Smartphones)
  • Wertigkeit des Papiers
  • typische Motive für bestimmte Jahrzehnte (z.B. Diddl-Maus)
  • Schriftfarbe und -art 
  • Größe und Materialität der Briefe (Postkarte, Screenshot, Briefpapier)

Allein das äußere Erscheinungsbild des Liebesbriefes erlaubt eine grobe zeitliche Eingrenzung. Die beim Stammtisch daraufhin betrachteten Liebesbriefe sowie die daraus erarbeiteten Ergebnisse werden im Folgenden chronologisch – vom ältesten zum jüngsten Liebesbrief – wiedergegeben.

Der Liebesbrief als juristisches Dokument: Ein Heiratsantrag von 1887

LB_00190_0001. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv. Diesen Brief können Sie sich von Anke Friedrich eingesprochen auch als Vertonung anhören.

Dieser Liebesbrief, verfasst 1887 vom Lithografen8 Josef Mandig, ist nicht direkt an seine Geliebte Clara gerichtet, sondern an deren Vormund, ihren Vater. Mandig bittet in diesem Schreiben Claras Vater um die Hand seiner Tochter. Der Brief ist sehr förmlich, mit Feder in Reinschrift und in Kurrent geschrieben. Auf einer inhaltlichen Ebene begegnen wir veralteten Begriffen wie “Gemahlin”, “Gattin” oder “Fräulein Tochter”, was neben dem Datum ebenso Rückschlüsse auf das Alter des Briefes zulässt. Zudem bleibt eine direkte Erklärung von Gefühlen aus. Viel eher wird die Liebe zu Clara indirekt durch die höfliche Anrede der Eltern und den Wunsch, diese zu heiraten, ausgedrückt. Dabei ist der Liebesbrief zweckgebunden (Antrag) und leitet die Besitzübergabe der Tochter Clara von ihrem Vater zum neuen männlichen Vormund, dem Ehemann, ein. Um den Vater davon zu überzeugen, dem Heiratsantrag stattzugeben, verweist der Schreiber Mandig auf den beiderseitigen Wunsch von ihm und Clara nach einer Heirat und betont, dass er als Lithograf in “unabhängiger Stellung” im Stande ist, “Frau und Familie anständig [meint: standesgemäß, seines Standes gerecht werdend] zu erhalten.”

Dieser prototypische Liebesbrief ist in diesem besonderen Fall nicht einfach nur ein Liebesbrief, sondern wird durch seine Intention und Inhalt “auch zu einem juristischen Schriftstück […]: dem schriftlichen Heiratsantrag.”9
Meist gehen solchen Liebesbriefen zur damaligen Zeit (Liebes)Briefe voraus, die in der Forschung ein eigenes Genre zugewiesen bekommen: dem Brautbrief. Der Brautbrief nimmt eine besondere Rolle ein, ist er doch mehr, als ein ‘reiner’ Liebesbrief, in dem um Liebe geworben wird und Gefühle kommuniziert werden, aber weniger als eine Ehekorrespondenz, die der Stabilisierung und dem Erhalt der Beziehung dient. Denn Brautbriefe sind diejenigen Briefe, die verfasst werden, wenn eine Ehe bereits vereinbart wurde; in ihnen werden häufig Regeln für das Zusammenleben und die gemeinsame Zukunft entworfen.10 So wie der Liebesbrief mit Heiratsantrag als juristisches Dokument ähnelte auch der Brautbrief einem urkundlichen Dokument; in ihm wurde festgehalten, was die zukünftige Braut in Form einer Mitgift mit in die Ehe bringt. Dabei wandelt sich der Brautbrief jedoch auch zum Schreiben an die Braut. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich hieraus eine ritualisierte schriftliche Korrespondenz zwischen Brautleuten, die den Übergang vom ledigen in den ehelichen Zustand dokumentieren. Dieses Vorgehen etablierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, wofür der oben dargestellte Antrag von 1887 beispielhaft steht.11

Liebesbriefe im Krieg: Ein Feldpostbrief 1950er

LB_00105_0001_anonymisiert. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv

Der auf liniertem Militärpapier in der Schweiz verfasste Liebesbriefe aus dem Jahr 1956 ist im Gegensatz zum vorherigen Beispiel diesmal direkt an die geliebte Person adressiert. Der Verfasser – möglicherweise mit der Adressatin verlobt, was die Anrede “Mein liebes Bräutchen” nahelegt – bedankt sich bei ihr für ihre Liebe und Zuneigung. Es scheint, als ob der Verfasser keine Antwort auf diesen Brief erwarte, da er keine Fragen an die Adressatin stellt und der einzige Zweck dieses Briefes darin liegt, sich für die Beziehung zu bedanken und sich für die eigene Vergesslichkeit zu entschuldigen.Der Brief ist in Schreibschrift verfasst, der Platz des Papiers wird vom Verfasser nicht ganz ausgenutzt; Anrede und Grußformel sind versetzt zum restlichen Text platziert. Nicht nur das Papier an sich gibt aufgrund des Vordrucks am oberen Rand des Blattes Aufschluss über den Beruf des Verfassers, sondern auch die aus dem Militärjargon stammenden Begriffe “eingerückt” und “Kameraden”. Interessant ist auch die genutzte Sprache, wenn davon gesprochen wird, dass er “glücklich, überglücklich [ist] Dich zu besitzen”. Die starke Betonung des “Besitzes” oder jemanden besitzen zu wollen, würde heute vermutlich nicht mehr so stark verwendet werden. 

Auch Feldpost hat ein eigenes Genre in der (Liebes)Briefforschung inne. War Feldpost ursprünglich die Übermittlung militärischer Informationen, die mündlich statt schriftlich erbracht wurde, wandelt sich auch dieses in Schrifttum: Die früheste Form entwickelte sich im 13. Jahrhundert; im 17. Jahrhundert wird während des Dreißigjährigen Krieges 1618–1648 erstmals ein Feldpostamt12 etabliert. Geschrieben wird nur von offiziellen Militärs und der alphabetisierten Oberschicht. Erst im Zuge des 18. Jahrhundert wird auch die Feldpost Gegenstand privater Korrespondenz und somit zu einem Kommunikationsmittel zwischen Liebenden. Vor allem die beiden Weltkriege haben zu einer erheblichen Masse an Feldpost geführt. Soldaten von der Front schreiben und schicken oftmals ein letztes Lebenszeichen an geliebte Personen in die Heimat.13

Digitale Liebesbriefe: Die E-Mail

LB_00181_0003_anonymisiert. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv

Das Aufkommen der E-Mail in Deutschland in den 1980er Jahren hat dazu geführt, dass die schriftliche Kommunikation stärker in das Internet verlagert wurde. Diese E-Mail aus den 1990er Jahren zeigt deutlich, wie auch das Kennenlernen eines neuen Partners / einer neuen Partnerin digital abläuft bzw. ablaufen kann. Es handelt sich hierbei also um eine Art Flirt- bzw. Kennenlernbrief. Trotz der Verlagerung der handschriftlichen Kommunikation in das Internet ähnelt der Aufbau dieser E-Mail dem prototypischen Liebesbrief mit Anrede, Grußformel, dem in Abschnitten gegliederten Hauptteil sowie dem PS, dem Postskriptum, am Ende der Nachricht; Wyss spricht von einer “mediale[n] Adaption[…] des handschriftlichen Liebesbriefs”14

Aus diesem beispielhaften Flirtbrief geht hervor, dass sich die Adressatin und der Empfänger dieser Mail noch nie im realen Leben gesehen haben. Die E-Mail ist gespickt durch viele Rechtschreibfehler, was möglicherweise der Flüchtigkeit des Schreibens geschuldet ist, wenn der Verfasser sich “sofort die Zeit [nimmt] Dir [der Adressatin] wieder zu schreiben”; es wird – im Gegensatz zur schriftlichen Briefkommunikation – nicht korrigierend eingegriffen, sondern kleine Fehler wie “dass wir und über das World wide Web kennenlernen” bleiben bestehen. 

Entgegen vieler Annahmen, dass mit dem Aufkommen des Internets das (Liebes)Briefeschreiben aussterben würde, zeigt sich, dass gerade durch die E-Mail das Korrespondieren erneut – wie etwa bei den Verlobungskorrespondenzen im Sinne der oben beschriebenen Brautbriefe des 18. und 19. Jahrhunderts – modern und “eine ältere Form der Liebesbriefschriftlichkeit wieder aufgenommen”15 wird.16 Die Kennenlernphase und das Ausleben einer Liebesbeziehung wird bei räumlich getrennten Liebenden schriftlich und digital ausgelebt, dadurch Distanz überbrückt und Nähe sowie Intimität hergestellt. Jedoch zeigt sich, dass ohne tatsächliche Verbindung in der realen Welt digitale Verbindungen “selten den Weg in die Wirklichkeit finden.”17

Liebesbriefe mit Trend: Eine Diddl-Postkarte um die Jahrtausendwende

LB_00703_0004. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv

Postkarten – auch wenn sie nicht als prototypischer Liebesbrief gelten – können auch Liebesbotschaften enthalten, wie diese Postkarte aus den 2000er Jahren zeigt. Die Vorderseite ziert ein für dieses Jahrzehnt beliebtes Motiv – nämlich das der Diddl-Maus, eine Cartoonfigur entworfen von Thomas Goletz18 – und beinhaltet selbst schon eine aufgedruckte Liebesbotschaft: “Dich lasse ich nie wieder los!”
Der Text auf der Rückseite ist ohne Anrede in Druckschrift geschrieben und die Verfasserin reiht – in Ich-Botschaften – explizite Liebesbotschaften aneinander, die sehr standardisiert und phrasenhaft wirken und an die gesprochene Sprache angelehnt sind. Der Text wird durch viele selbst gemalte Herzchen am Rand geschmückt; zudem wurde aus einer Zeitschrift ein Horoskop, das des männlichen Stiers, ausgedruckt und zusätzlich auf die Postkarte für den Empfänger geklebt. 

Wie der Brief und die Feldpost ist auch die Postkarte als viel genutztes kommunikatives Mittel Gegenstand der Forschung. Die Korrespondenzkarte (oder auch Correspondenz-Karte) gibt es in Deutschland seit 1870. Seit 1872 wird sie von der Post offiziell als Postkarte bezeichnet und für schriftliche Mitteilungen genutzt.19 Dabei unterscheidet sich die Postkarte vom klassischen, prototypischen (Liebes)Brief vor allem dahingehend, dass sie üblich nicht in einem verschlossenen Kuvert, sondern theoretisch für jede Person lesbar und somit ‘öffentlich’ versendet wird.
Mit dem 20. Jahrhundert wird die Postkarte ein gängiges Medium zum Versenden von (Alltags)Grüßen und stellt somit ein neues Angebot kommunikativer Möglichkeiten dar. Der begrenzte Platz zum Schreiben einer Liebesbotschaft hat Einfluss auf die gewählte Sprache; Liebes- und Tagesgrüße sowie ein “bestimme[s] Formelrepertoire (denke an dich, ich bin dein […])”20 sind vermehrt auf Ihnen zu finden.21
Typisch für heutige Postkarten sind auch Bildelemente22. Nicht selten spielt die (teils nonverbale) Botschaft des Bildes eine vorrangige Rolle bei der Auswahl der Postkarte; für Anlässe wie Feiertage, Fotografien von Ortschaften bei Urlaubsgrüßen oder wie oben trendige oder auch individuelle Motive.

Liebesbriefe auf dem Smartphone: Ein WhatsApp-Chat aus der Coronazeit

LB_00320_0001_anonymisiert. CC-BY-SA Liebesbriefarchiv

Die aktuellste Form von Liebesbotschaften sind die, die in sozialen Medien und Messengern versendet werden. In diesem Fall ist es eine Momentaufnahme aus einem Chatverlauf via WhatsApp. Der Screenshot stammt aus dem Jahr 2020 – also gerade zum Beginn der Coronapandemie verfasst, was auch aus dem Inhalt des Screenshots hervorgeht: “Hoffentlich geht bis dahin noch alles wegen Corona”. Das Besondere an der Liebeskommunikation in digitalen Messengern ist, dass ein direkter Austausch zwischen beiden Schreiber*innen in Echtzeit stattfinden kann; die Kommunikation vollzieht sich “in einem geschlossenen, für Außenstehende nicht zugänglichen Kommunikationsraum […] und [hat] stark dialogischen Charakter […].”23 Darüber hinaus ähnelt laut Dürscheid das Schreiben in Messenger-Diensten immer mehr der gesprochenen Sprache24, z.B. die Verwendung von “jap” statt “ja”, elliptische Sätze wie “Will auch mit dir mal an den See”, “Vermisse dich”. Sätze werden selten mit einem Punkt, dafür aber mit einem Emoji beendet. Außerdem scheint es, als ob das Paar für ihre Beziehung spezifische Emojis definiert hat (z.B. das Tigeremoji), die möglicherweise auch als Ersatz von Kosenamen fungieren; Emojis dienen in diesem Fall nicht nur der Illustration des vorangegangenen Textes, wie es bei den Herzen, Stern und lächelnden/weinenden Emojis der Fall ist, sondern ersetzen sogar das Schriftzeichen25.

Fazit

Gestartet wurde der Liebesbriefstammtisch mit einleitenden Fragen: Wie haben sich Liebesbriefe über die Jahrhunderte verändert? Gibt es formale Unterschiede? Wird inhaltlich anders über Liebe gesprochen oder Liebesbekundungen anders ausgedrückt? Wie ändert sich das Medium (Liebes)Brief und welche Auswirkungen hat es auf die Liebeskommunikation? Welche Funktionen hat ein Liebesbrief noch neben der Vermittlung der eigenen Liebesgefühle?

Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Liebesbriefbeispielen hat gezeigt, dass das Medium an sich im Wandel war und tendenziell ist; mit neu aufkommenden Kommunikationsmöglichkeiten werden diese aus dem offiziellen in den privaten Bereich verlagert, für die private (Liebes)korrespondenz vereinnahmt und genutzt. Dabei geht es nicht nur um das Mittel der Versicherung der Liebe, sondern auch darum, sich beispielsweise erst kennenzulernen, räumliche Trennung zu überbrücken und Intimität herzustellen. Dabei wird auch die zunächst offiziell anmutende strenge Formvorgabe eines (Liebes)Briefs zunehmend aufgebrochen, die die frühen Briefsteller vermitteln, und an neue Medien angepasst sowie individualisiert. Auch die genutzte Liebessprache erfährt diesen Wandel – sei es in Bezug auf einzelne Worte, die einen Bedeutungswandel erfahren oder gar, wie man seine Liebe zu einer Person ausdrückt; von sehr förmlich bis hin zu sehr persönlich, von sorgsam zu phrasenhaft verkürzt bis hin zu einem tatsächlichen Gespräch in Echtzeit angelehnt. 

Darüber hinaus bieten uns Liebesbriefe wie generell Textdokumente aus unterschiedlichen Jahrhunderten die Möglichkeit, daraus gesellschaftliche Konventionen abzulesen. Auch lassen sich Trends in Motiven oder Gewohnheiten erkennen, z.B. die Diddl-Postkarte. Je nach Medium variiert auch der verfügbare Platz zum Schreiben (Postkarte, vorgedrucktes Militärpapier), die Schreibrichtung und generell die Schreibkonventionen. Es zeigt sich aber deutlich, dass über die Jahrhunderte hinweg eine Individualisierung zu beobachten ist, sei es nun durch gezeichnete Bilder (z.B. Herzchen) oder Emojis.
Und was ist nun über die Jahrhunderte gleich geblieben? Das Bedürfnis und die Notwendigkeit, die eigenen Gefühle (schriftlich) zu kommunizieren.


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  1. Kreim, Erwin: Johannes Gutenberg. Unternehmer des zweiten Jahrtausends. Nünnerich-Asmus, Oppenheim 2022. ↩︎
  2. Briefsteller sind Bücher mit “praktischen Anleitungen und Mustern für Briefe” („Briefsteller“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Briefsteller>, zuletzt aufgerufen am 12.06.2023. ↩︎
  3. Schottenloher, Otto, „Erasmus von Rotterdam, Desiderius“ in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 554–560 [Online-Version]; URL: Deutsche Biographie – Erasmus von Rotterdam, Desiderius (deutsche-biographie.de), zuletzt aufgerufen am 12.06.2023. ↩︎
  4. Franciscus, Niger, Indexeintrag: Deutsche Biographie, Deutsche Biographie – Franciscus, Niger (deutsche-biographie.de), zuletzt aufgerufen am 12.06.2023. ↩︎
  5. Wyss, Eva L. (2004): Brautbriefe, Zettelchen, E-Mails und SMS, in: Das Archiv 1, S. 6–17, hier: 6. und Jeßing, Benedikt/Köhnen, Ralph (2017): Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. 4. aktual. u. überarb. Aufl. Stuttgart, S. 202. ↩︎
  6. Schuster, Britt-Marie (2020): Linguistik. In: Matthews-Schlinzig, Marie Isabel/Schuster, Jörg/Steinbrink, Gesa/Strobel, Jochen (Hg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston, S.19–39, hier: S. 29. ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. Handwerk, wobei der Lithograf ein gewünschtes Bild mit einer speziellen Steinplatte für den Druck anfertigt. Auch als Steindruck bzw. Steindrucker bezeichnet, vgl. „Lithograf“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Lithograf>, zuletzt aufgerufen am 15.06.2023 und Lithograf ᐅ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden, zuletzt aufgerufen am 12.06.2023. ↩︎
  9. Wyss 2004, S. 9. ↩︎
  10. Vgl. Lach, Roman (2020): Der Brautbrief. In: Matthews-Schlinzig, Marie Isabel/Schuster, Jörg/Steinbrink, Gesa/Strobel, Jochen (Hg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston, S. 515–523, hier: S. 515. ↩︎
  11. Vgl. ebd. ↩︎
  12. Die Feldpostleitstelle der Bundeswehr befindet sich übrigens seit 1992 in Darmstadt: Feldpost (bundeswehr.de), zuletzt aufgerufen am 01.11.2023. ↩︎
  13. Ebert, Jens (2020): Feldpost. In: Matthews-Schlinzig, Marie Isabel/Schuster, Jörg/Steinbrink, Gesa/Strobel, Jochen (Hg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston, S. 1374–1362, hier: S. 1374. ↩︎
  14. Wyss, Eva (2015): Liebesbriefe und Liebeserklärungen im Zeitalter der Digitalisierung intimer Kommunikation. In: Schellbach-Kopra, Ingrid/Schrey-Vasara, Gabriele/Moster, Stefan/Grünthal, Satu (Hg.): Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen Nr. 47, S. 9–20, hier: S. 16. ↩︎
  15. Wyss 2004, S. 16. ↩︎
  16. Vgl. ebd. ↩︎
  17. Ebd. ↩︎
  18. Vgl. Diddl – Offizielle Webseite, aufgerufen am 01.11.2023. ↩︎
  19. Vgl. Holzheid, Anett (2020): Postkarte. In: Matthews-Schlinzig, Marie Isabel/Schuster, Jörg/Steinbrink, Gesa/Strobel, Jochen (Hg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Band 1: Interdisziplinarität – Systematische Perspektiven – Briefgenres. Berlin/Boston, S. 409–438, hier: S. 409f .https://doi.org/10.1515/9783110376531-027 ↩︎
  20.  Schuster 2020, S. 29. Hervorhebung im Original. Schuster zitiert nach Holzheid, Anett (2014): „Affectionate Titbits. Postcards as a Medium for Love Around 1900“. In:
    Communication of Love: Mediatized Intimacy from Love Letters to SMS. Hg. v. Eva Lia Wyss, S. 253–273, hier: S. 258. ↩︎
  21. Vgl. Schuster 2020, S. 29. ↩︎
  22. Dabei war die Postkarte nicht immer so, wie wir sie heute kennen: “Die Entwicklung des Postkartenkonzepts von einem ursprünglichen Textmedium zu einem Medium, das prototypisch Bildelemente enthält, zeigt sich auch in eben jener Postkartenpraxis der konkurrierenden Teilnahme. Strategisch wurde die schlichte Sachinformation (z. B. Lösungswort) nicht auf einer schmucklosen Postkarte, sondern auf einer Bild- oder Ansichtskarte verschickt, um durch ästhetisierenden Mehrwert und visuell-haptisch aufmerksamkeitsheischende Funktion einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen.” Vgl. Holzheid 2020, S. 410. ↩︎
  23. Dürscheid, Christa (2020): Schreiben in Sozialen Medien. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) 2020, Berlin [u.a.]. Originalveröffentlichung in: Marx, Konstanze/Lobin, Henning/Schmidt, Axel (2020, Hg.): Deutsch in Sozialen Medien. Interaktiv – multimodal – vielfältig. – Berlin [u.a.], S. 35-50, hier: S. 41. (Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2019) DOI: https://doi.org/10.1515/9783110679885-003 ↩︎
  24. Wolf, Thembi: Haha, nein?! Wie unsere Whatsapp-Chats die deutsche Grammatik neu erfinden: Deutsche Sprache: Wie Whatsapp-Chats die deutsche Grammatik beeinflussen – DER SPIEGEL, zuletzt aufgerufen am 15.11.2023. ↩︎
  25. Vgl. ebd., S. 39. ↩︎

[Ediert am 16.11.2023]

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