von Nadine Dietz (TU Darmstadt) und Lena Dunkelmann (Universität Koblenz)

Gruß & Kuss ist ein bürgerwissenschaftliches Projekt, das vom Engagement der Bürgerwissenschaftler*innen lebt, die sich für die Digitalisierung sowie Erforschung von Liebesbriefen interessieren und sich aktiv daran beteiligen möchten. Beim Stelldichein am 9. Juli im Darmstädter See you Café kamen einige engagierte Bürgerwissenschaftler*innen zusammen, um sich über Liebesbriefe und die Gruß & Kuss-Themencluster auszutauschen. Anhand von einigen exemplarischen Liebesbriefbeispielen und unter wissenschaftlicher Anleitung sowie Moderation wurden Liebesbriefe und Themencluster gemeinsam betrachtet und diskutiert. Schnell wurde klar, dass die Liebesbriefe auch abseits der vom Projekt vordefinierten Themencluster viel Gesprächsanlass zu unterschiedlichsten Perspektiven bieten, die sich in solch gemeinsamen Runden besonders gut erschließen lassen.

Aus diesem Grund soll der regelmäßige und persönliche Austausch über ausgewählte Liebesbriefthemen in kleineren Zusammenkünften, zu denen jede*r herzlich eingeladen ist, weiterhin und monatlich gegeben werden: Der Liebesbriefstammtisch war geboren!

Der erste Liebesbriefstammtisch fand am 3. August 2022 im Darmstädter Schlossgarten statt und beschäftigte sich mit dem Thema Kosenamen in Liebesbriefen. Beteiligt waren die Gruß & Kuss-Bürgerwissenschaftlerinnen Johanna Cosack, Désirée Dollerschell, Leonie Edelmann, Marla Mulitze und Nadine Völkl.

Kosenamen – ein Blick in ausgewählte Forschungsliteratur

Zur inhaltlichen Vorbereitung wurde der wissenschaftliche Artikel Muckelchen oder Süßer? Onymische Gender-Konstruktionen bei Kosenamen im Liebesbrief[1] zur Verfügung gestellt und zum Stammtisch selbst drei ausgewählte Liebesbriefe mitgebracht, die exemplarische (und außergewöhnliche) Kosenamen beinhalten. 

Kosenamen werden jemandem durch (eine) geliebte Person(en) verliehen; sie verweisen auf die Intimität einer Beziehung, sind dabei aber nicht fest, sondern können sich im Laufe der Zeit und einer Beziehung verändern.[2] Die Vergabe von Kosenamen dient dazu, sich nach außen hin von anderen Sozialbeziehungen abzugrenzen und schafft gleichzeitig nach innen ein Gefühl von Gemeinschaft und Gemeinsamkeit.[3] Eine Umfrage aus dem Jahr 2013 hat ergeben, dass der Kosename Schatz mit Abstand der beliebteste sei, gefolgt von Kosenamen, die aus der Tierwelt entlehnt sind, wie bspw. Hase oder Bär.[4] Wie kreativ Paare teilweise bei der Vergabe von Kosenamen sein können, zeigen die drei folgenden Liebesbriefbeispiele. Die Kurzanalysen, die den Briefen nachgestellt sind, sind die verschriftlichten Ergebnisse der Diskussionen, die wir gemeinsam mit den Bürgerwissenschaftlerinnen am Liebesbriefstammtisch erarbeitet haben.

Märchenhafte Kosenamen: Von Feen und Märchenprinzen

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Diese Postkarte von 1947, deren Vorderseite einen Scherenschnitt von Liesel Baschang Schwarz ziert, wurde von einem “traurige[n] Märchenprinz” an seine “liebe Fee” verfasst. Die Kosenamen werden hier – wie für einen Brief typisch – jeweils in der Anrede und in der Grußformel verwendet. Aus dem Begleitschreiben und weiteren Briefen innerhalb des Konvoluts geht hervor, dass sich der Briefschreiber in der gesamten Korrespondenz Märchenmotiven bedient und dies vor allem über die Kosenamen zum Ausdruck bringt. Er inszeniert sich in den meisten Briefen als “Märchenprinz” und unterzeichnet mit diesem Kosenamen seine Briefe, selbst wenn diese an unterschiedliche Frauen gerichtet sind.

Tierische Kosenamen: Von Häschen und Bären

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In diesem in Gedichtform verfassten Liebesbrief aus dem Jahr 2006 finden die Kosenamen erst in der Abschlusswidmung “für mein liebstes Häschen von ihrem Bären” Erwähnung. Auffällig hierbei ist, dass die tierischen Kosenamen den (biologischen) Geschlechtern angepasst sind und ihnen jeweils ein Possessivpronomen vorausgeht. Der Mann trägt den Kosenamen “Bär” – ein Tier, mit dem man Größe und Stärke assoziiert -, wohingegen die Frau als “Häschen” – also sogar die Diminutivform des ohnehin schon kleinen und zierlichen Tieres – bezeichnet wird. 

Kosenamen zwischen Engelchen und Teufelchen

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Der aus dem Jahr 1946 stammende Liebesbrief beinhaltet eine ganze Fülle von unterschiedlichen Kosenamen, die durch den gesamten Liebesbrief hinweg gebraucht werden – angefangen bei der Anrede, über das Mitteilungsfeld bis hin zur Verabschiedungsformel. Fast jeder neue Absatz beinhaltet direkt im ersten Satz einen neuen Kosenamen – und es scheint, als ob der Verfasser des Liebesbriefes den Gebrauch der Kosenamen nicht selten an den Inhalt des neuen Absatzes anpasst. Stellt er beispielsweise der Briefempfängerin die Frage, ob sie “wiedereinmal eine kleine Reisebekanntschaft gemacht [hat]”, so wird diese als “Teufel” bezeichnet – möglicherweise ein Indiz für ihre offen gelebte Sexualität, wie auch der nächste Satz nahelegt: “Du kleiner Wildfang, verführe mir die Männer nicht alle sonst bekommen die anderen Frauen keine mehr.” Entschuldigt sich der Briefschreiber dagegen bei der Briefempfängerin dafür, dass sie seinen Geburtstag nicht gemeinsam verbringen konnten, wird sie in der Diminutivform “Frauchen” eingesprochen – eine Verniedlichungsform, die an dieser Stelle das Bedauern darüber noch einmal verstärkt.

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[1] Dammel, Antje/Niekrenz, Yvonne/Rapp, Andrea/Wyss, Eva L.: Muckelchen oder Süßer? Onymische Gender-Konstruktionen bei Kosenamen im Liebesbrief, in: Hirschauer, Stefan/Nübling, Damaris (Hrsg.): Namen und Geschlechter. Studien zum onymischen Un/doing Gender, Berlin, Boston 2018 (= Linguistik – Impulse & Tendenzen 76), S. 157-189.

[2] Vgl. ebd., S. 157-159.

[3] Vgl. ebd., S. 158.

[4] Vgl. Grieger, Gunnar: Kosenamen 2013. Eine repräsentative Umfrage unter 5.000 Deutschen, Hamburg 2013. https://www.splendid-research.com/Marktforschung/Pressemitteilung-Kosenamenstudie-2013.pdf, abgerufen am 09.08.2022.