von Nina Korb (Universität Koblenz)

Liebesbriefe werden bereits seit Jahrhunderten verfasst und faszinieren Menschen unterschiedlichster Herkunft aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Während die Liebesbotschaften großer Literat*innen schon lange ein etablierter Gegenstand der Forschung sind, hat es sich das Liebesbriefarchiv Koblenz-Darmstadt zur Aufgabe gemacht, Liebesbotschaften aus der Bevölkerung zu archivieren.

Diese Schätze des Alltags sind Teil einer einzigartigen Sammlung, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Das Liebesbriefarchiv Koblenz-Darmstadt feiert 25-jähriges Archivjubiläum

Es war also nur konsequent, dass bei der feierlichen Langen Nacht der Liebesbriefe am 24. September 2022 Forscher*innen nicht unter sich blieben, sondern das Liebesbriefarchiv sowie das Gruß & Kuss-Projekt interessierte Bürger*innen zu einer dynamischen Abendveranstaltung mit wissenschaftlichen Kurzvorträgen in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle begrüßte.

Nach der Eröffnung durch Archivgründerin Prof. Dr. Eva L. Wyss von der Universität Koblenz, die das Archiv 1997 nach eigenen Angaben mit einer Mischung aus frisch promoviertem Elan und forscherischem Interesse ins Leben gerufen hatte, richteten zahlreiche Ehrengäste Grußworte an das Liebesbriefarchiv. Prof. Dr. Andrea Rapp von der Technischen Universität Darmstadt dankte der Archivgründerin und erklärte, das Archiv sei ein Geschenk, da es nicht geschlossen sei, sondern seine Archivate mit der Öffentlichkeit teile, so wie man Liebesbriefe mit geliebten Menschen teile.

Liebeserklärungen an das Liebesbriefarchiv

In diesem Sinne formulierte Prof. Dr. Stefan Wehner, Vizepräsident der Universität Koblenz sein Grußwort kurzerhand als Liebeserklärung an die neue, selbstständige Universität Koblenz. „In 98 Tagen sind wir endlich vereint und werden selbstständig“, eröffnete Wehner und resümierte anschließend die bewegte Beziehung zur Universität Landau samt Trennungsversuchen und der nun folgenden Neustrukturierung. Das aktuelle, vom Bundesministerium für Forschung geförderte bürgerwissenschaftliche Verbundprojekt Gruß & Kuss des Liebesbriefarchivs, an dem neben den Universitäten und Universitätsbibliotheken Darmstadt und Koblenz auch die Hochschule Darmstadt beteiligt ist, nannte Wehner ein „gelungenes Beispiel für den Transfer in die Forschung und wieder zurück“ und dankte den Kooperationspartnern für ihr Engagement.

Auch Sprachwissenschaftler Prof. em. Dr. phil. habil. Prof. h.c. Gerd Antos von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gestaltete sein Grußwort im Stile eines Liebesbriefes, den er direkt an das Archiv richtete. Er sei damals skeptisch gewesen, ob ein Archiv für Liebesbriefe überhaupt möglich sei. „Die Gründung“, so Antos, sei „eine mutige und fast verwegene Idee“ gewesen, denn das Lesen von Liebesbriefen sei immer schon ein intimer Akt und so habe er sich nicht vorstellen können, dass das Liebesbriefarchiv überhaupt ausreichend Spenden erhalten würde, um eine korpuslinguistisch relevante Sammlung aufzubauen.

Abendliche Liebesbriefforschung

Im weiteren Verlauf des Abends hatten die rund 80 Gäste bei Wein und Finger-Food die Gelegenheit, sich an insgesamt zehn verschiedenen Thementischen direkt und aktiv mit ausgewählten Liebesbriefen aus dem Liebesbriefarchiv auseinanderzusetzen und sich zu Fokusthemen wie „Liebe in Krisen und Konflikten“, „Brieftranskription“ oder „Reiz der heimlichen Liebe“ auszutauschen. Unter den Gästen waren bekannte Bürgerwissenschaftler*innen, die sich bereits im Gruß & Kuss-Projekt engagieren, Studierende der Universität Koblenz und Technischen Universität Darmstadt, aber auch viele neue Gesichter, die sich für die Liebesbriefforschung interessieren. Durch den regen und spannenden Austausch an den Thementischen konnten noch einige Leute für das Gruß & Kuss-Projekt gewonnen werden.

Liebesbriefe als Momentum

Dazwischen beleuchteten wissenschaftliche Kurzvorträge den forscherischen Nutzen des Archivs. So referierte Archivgründerin Eva Lia Wyss über Sprachwissenschaft und Liebesbriefforschung und erläuterte die Funktion von Liebesbriefen als Momentum gegenwärtiger Schrift und Schreibkultur. Ihrer Forschung liege ein grundlegendes Interesse an Alltagskommunikation mit ethnografischem Blick zugrunde, dabei seien auch Fragen der Auswirkungen digitaler Medien auf die zwischenmenschliche Kommunikation zentral: „Liebesbriefe zeigen uns einen Bereich, der normalerweise verborgen ist, eine Facette intimer Paarkommunikation.“ Auch sie habe bei der Archivgründung die Sorge gehabt, keinen einzigen Brief zu erhalten – am Ende bekam sie rund 2500 innerhalb weniger Monate zugeschickt.

Liebesbriefe im Mittelalter

Andrea Rapp widmete sich dem Liebesbrief im Mittelalter und räumte dabei mit einigen Klischees und Missverständnissen auf: So sei etwa das als älteste mittelhochdeutsche Liebesgedicht geltende „Dû bist mîn, ich bin dîn“ von 1180 kein klassisches Liebesgedicht oder Minnelied, sondern der wenig erotische, literarische Austausch eines Mönches mit einer Nonne. „Wir haben keine echten Briefe zwischen Mann und Frau aus dem Mittelalter, da das Schreiben damals nicht verbreitet war,“ erklärte Rapp.

Liebesbriefe in sozialen Medien

Die geschäftsführende Leiterin des Liebesbriefarchivs, Birte C. Gnau-Franké, stellte in ihrem Vortrag über Liebesbriefe in sozialen Medien Charakteristika moderner, digitaler Liebesbotschaften vor. So finden sich auf Facebook, Instagram und WhatsApp häufig Retrospektiven, etwa bei Lebensabschnittswechseln oder Jubiläen, die der Reflexion und dem Dank an Partner*innen dienen, wie bei Postings zum Hochzeitstag oder der Geburt eines Kindes. Zwar sei der Begriff des Briefes hier durchaus diskutabel und insbesondere die Verwendung von Emojis als polyfunktionale Zeichen grenze solche Botschaften vom klassischen Liebesbrief ab, dennoch könne festgehalten werden, dass Kommunikation Beziehungen forme und „die Menschen auch heutzutage nicht verlernt haben, sich das Wunder der Liebe zu bewahren,“ so Gnau-Franké.

Liebesbriefe an Haustiere

Zum Abschluss der Langen Nacht der Liebesbriefe begeisterte Juniorprofessorin Dr. Pamela Steen von der Universität Koblenz die Gäste mit einem außergewöhnlichen Thema: Liebesbriefe an Haustiere. „Mit Tierliebesbriefen wird eine humanimalische Emotionsgemeinschaft gebildet“, erläuterte Steen das Phänomen von Liebesbotschaften, die direkt an Tiere als Adressat*innen gerichtet werden, wie etwa bei Postkarten, Widmungen, Gedichten oder Grabinschriften und oft auch den Schreibenden zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität dienen.

Das Liebesbriefarchiv

Das Liebesbriefarchiv ist deutschlandweit das einzige Archiv seiner Art. Es hat sich die Bewahrung der einzigartigen Quelle privater und authentischer Liebesbriefe als wertvolles Zeugnis der Liebes- und Alltagskultur zur Aufgabe gemacht – eine Quelle, für die bis heute kein staatlicher Sammlungsauftrag existiert. Mit dem 2021 gestarteten Citizen-Science-Projekt Gruß & Kuss – Briefe digital. Bürger*innen erhalten Liebesbriefe sind zusätzliche alle interessierten Bürger*innen dazu eingeladen, sich an der Erforschung und Digitalisierung des Liebesbriefarchivs zu beteiligen. Das Spenden von Liebesbriefen ist nach wie vor jederzeit möglich. Somit wächst das Liebesbriefarchiv stetig weiter und umfasst aktuell ca. 25.000 Liebesbriefe aus 52 Ländern und vier Jahrhunderten.


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Kategorien: Liebesbrief